Artikel vom: 11.05.2010
Mann über Bord
„Mann über Bord“ – wenn dieser Ruf erschallt, gefriert das Blut in den Adern. Ein Mitsegler ist in größter Gefahr. Was dann zu tun ist hat wohl jeder bei der Ausbildung zum Skipper gelernt aber Hand aufs Herz – wer hat schon einmal versucht einen Verunfallten wirklich zu bergen? Wie bekommt man ihn oder sie an Bord – und ist das im Falle einer 2er Crew überhaupt zu schaffen? Welche Hilfsmittel kann man nutzen? Gemeinsam mit den Kollegen der Zeitschrift „Segeln“ und dem erfahrenen Segellehrer Richard Jeske machten wir die Probe.
7 Möglichkeiten um einen Verunfallten zu bergen kommen bei unserem Test unter die Lupe. Zuerst diejenigen bei denen der Verunfallte bei seiner Bergung aktiv mitarbeiten kann - er darf also nicht in Folge des Sturzes bewusstlos sein.
Ohne für diesen Notfall speziell konzipierte Hilfsmittel zu nutzen, bleibt einem nur der Griff zu einem Fall. Dieses - so frei vorhanden - ist schnell einsatzbereit und kann dem im Wasser Treibenden zugeworfen werden. Der schäkelt sich dann das Fall in die Bergeschlaufe der Rettungsweste. Schon kann die Person an Deck mit dem hochwinschen loslegen. Eine sehr kraftraubende Arbeit, die auch bei Zweigangwinschen nur von trainierten Personen zu schaffen ist. Weiterer Nachteil – die Kommunikation zwischen dem Retter und dem Hilfsbedürftigen ist sehr gering und so kann der Bergevorgang nur eingeschränkt kontrolliert werden.
Wesentlich besser funktioniert diese Bergungsart wenn man zwischen Fall und dem zu Rettenden ein effektives Hilfsmittel einsetzt. Segellehrer Richard Jeske hat sich nach einigen Überlegungen eine 3 Meter lange Talje die im Verhältnis 6:1 untersetzt ist in einen Schlauch aus Segeltuch einnähen lassen. Damit ist die Talje gegen verdrehen und verheddern geschützt und sofort einsatzbereit. Wird die Talje zwischen das Ende des Spifalls und dem Verunfallten eingeschäkelt, kann man ihn mit wenig Kraftaufwand aus dem Wasser bergen. Außerdem hat man den Unglücksraben die gesamte Bergezeit über im Blick und kann sich mit ihm abstimmen. 3 Sterne für die Idee der Talje im Schlauch.
Den nächsten Bergeversuch starten wir mit der Rettungsleiter von Plastimo. Die Tasche der Leiter wird bei Törnbeginn an der Fußreling oder den Relingstützen außenbords befestigt. Der Verunglückte kann mit einem Zug an der Schlaufe die Leiter selbst aus der Tasche holen – vorausgesetzt die Bordwand ist nicht zu hoch. Ansonsten ist die Hilfe von einer zweiten Person nötig. Wesentlich schwieriger ist jetzt das aufentern. Die Stufen rutschen seitlich weg oder treiben unter das Schiff – unsere Testperson gibt nach einigen mühevollen Versuchen auf. Die Rettungsleiter eignet sich also nicht sonderlich als Hilfsmittel zur Bergung.
Nächster Aspirant in unserem Test – der Jonbouy von SOS Technik. Im Fall des Falles wird die am Heckkorb befestigte Minirettungsinsel ausgelöst. Im Wasser entfaltet sich ein Schwimmsitz mit Überbau. Da alles in grellgrün gehalten ist, kann man ihn auch bei Seegang gut erkennen. Der Verunfallte muss nun zu der Insel schwimmen und sich selbst in den Sitz wuchten. Unser Tester versichert uns, dass das einiges an Kraft und Geschicklichkeit voraussetzt. Dank des angebrachten Treibankers driftet die kleine Insel nicht allzu weit ab. Der Treibanker hat allerdings auch einen negativen Effekt. Soll die Insel mit dem zu Rettenden an Bord geholt werden, machen sich die 20 Liter Zusatzgewicht im Wassersack bemerkbar. Da sie nicht schnell genug ablaufen, hat man beim Bergen über Hand keine Chance. Erst der massive Einsatz einer Winsch bringt das Unfallopfer über die Reling.
Ein zweiteiliges Hebelsystem aus Dänemark steht als nächstes auf dem Testplan. Der MOB-up wird am Außenwant befestigt. Die Montage ist mit ein wenig Übung recht einfach zu bewerkstelligen. Allerdings muss man darauf achten dass keine Einzelteile über Bord gehen. Die im Wasser befindliche Person muss sich die Bergeschlinge selbst anlegen. Versuche diese von Bord aus mit Hilfe eines Bootshakens zu erledigen scheiterten. Ist die Person in der Schlinge gesichert und befindet sich die kurze Querstange unter den Kniekehlen, lässt sich das über Bord gegangene Crewmitglied recht einfach und vor allem horizontal bergen. Eine horizontale Bergung ist wichtig, wenn sich das Opfer lange im kalten Wasser befindet und unterkühlt ist. Dann verringert sich bei der horizontalen Bergung die Gefahr eines Schockzustandes.
Ist die Person im Wasser schon bewusstlos, kommt die moderne Variante eines Bergesegels zum Einsatz. Selbiges wird sehr schnell an den Relingstützen befestigt. Der Kopf des Segels wird in ein Fall eingeschäkelt und das Segel ins Wasser gelassen. Nun muss das Kunststück gelingen, den bewusstlos im Wasser Treibenden in die offene Segelfläche zu bugsieren. Insbesondere das Aufhalten der Segelfläche im richtigen Moment ist nicht ganz einfach. Das Aufholen des Verunglückten ist dann dank der eingesetzten Talje ein Kinderspiel. Allerdings muss die Person dann unter dem unteren Relingsdraht hindurchgezogen werden – mit ausgelöster Rettungsweste, Ölzeug und bei Welle auch nicht ganz einfach.
Das Rettungsnetz ist eine modifizierte Variante des Segels. Vorteil – die aussteifenden Aluminiumstangen sind mit Blei gefüllt und ziehen das Netz schnell unter Wasser. So kann man sich intensiver um den Erstkontakt mit der verunglückten Person und deren Positionierung im Netz kümmern. Ist das geschehen, kann das Netz mittels Karabinern oben geschlossen werden und im Bedarffall komplett an das Fall gehängt werden. Das erspart dem zu Bergenden das Rollen um die eigene Achse und das Hindurchzerren unter dem Relingsdraht. Bei Wellengang ist jedoch darauf zu achten, dass das im Netz liegende Crewmitglied nicht allzu stark an die Bordwand schlägt.
Ein kraftraubender Tag geht für die Tester zu Ende. Als Fazit bleibt – jedes Rettungsmittel ist besser als keines. Wichtig ist, dass man das zur Verfügung stehende Gerät in Ruhe ausprobiert, denn die Erfahrung von Übungsleiter Richard Jeske zeigt, dass schon beim zweiten oder dritten Mal die Anwendungen sicherer und schneller durchgeführt werden.
Unsere Favoriten nach dem Testtag sind die Talje im Segeltuchschlauch für den schnellen und einfachen Einsatz und das Bergenetz für Verunfallte, die bewusstlos sind oder schon lange Zeit im kalten Wasser treiben.
7 Möglichkeiten um einen Verunfallten zu bergen kommen bei unserem Test unter die Lupe. Zuerst diejenigen bei denen der Verunfallte bei seiner Bergung aktiv mitarbeiten kann - er darf also nicht in Folge des Sturzes bewusstlos sein.
Ohne für diesen Notfall speziell konzipierte Hilfsmittel zu nutzen, bleibt einem nur der Griff zu einem Fall. Dieses - so frei vorhanden - ist schnell einsatzbereit und kann dem im Wasser Treibenden zugeworfen werden. Der schäkelt sich dann das Fall in die Bergeschlaufe der Rettungsweste. Schon kann die Person an Deck mit dem hochwinschen loslegen. Eine sehr kraftraubende Arbeit, die auch bei Zweigangwinschen nur von trainierten Personen zu schaffen ist. Weiterer Nachteil – die Kommunikation zwischen dem Retter und dem Hilfsbedürftigen ist sehr gering und so kann der Bergevorgang nur eingeschränkt kontrolliert werden.
Wesentlich besser funktioniert diese Bergungsart wenn man zwischen Fall und dem zu Rettenden ein effektives Hilfsmittel einsetzt. Segellehrer Richard Jeske hat sich nach einigen Überlegungen eine 3 Meter lange Talje die im Verhältnis 6:1 untersetzt ist in einen Schlauch aus Segeltuch einnähen lassen. Damit ist die Talje gegen verdrehen und verheddern geschützt und sofort einsatzbereit. Wird die Talje zwischen das Ende des Spifalls und dem Verunfallten eingeschäkelt, kann man ihn mit wenig Kraftaufwand aus dem Wasser bergen. Außerdem hat man den Unglücksraben die gesamte Bergezeit über im Blick und kann sich mit ihm abstimmen. 3 Sterne für die Idee der Talje im Schlauch.
Den nächsten Bergeversuch starten wir mit der Rettungsleiter von Plastimo. Die Tasche der Leiter wird bei Törnbeginn an der Fußreling oder den Relingstützen außenbords befestigt. Der Verunglückte kann mit einem Zug an der Schlaufe die Leiter selbst aus der Tasche holen – vorausgesetzt die Bordwand ist nicht zu hoch. Ansonsten ist die Hilfe von einer zweiten Person nötig. Wesentlich schwieriger ist jetzt das aufentern. Die Stufen rutschen seitlich weg oder treiben unter das Schiff – unsere Testperson gibt nach einigen mühevollen Versuchen auf. Die Rettungsleiter eignet sich also nicht sonderlich als Hilfsmittel zur Bergung.
Nächster Aspirant in unserem Test – der Jonbouy von SOS Technik. Im Fall des Falles wird die am Heckkorb befestigte Minirettungsinsel ausgelöst. Im Wasser entfaltet sich ein Schwimmsitz mit Überbau. Da alles in grellgrün gehalten ist, kann man ihn auch bei Seegang gut erkennen. Der Verunfallte muss nun zu der Insel schwimmen und sich selbst in den Sitz wuchten. Unser Tester versichert uns, dass das einiges an Kraft und Geschicklichkeit voraussetzt. Dank des angebrachten Treibankers driftet die kleine Insel nicht allzu weit ab. Der Treibanker hat allerdings auch einen negativen Effekt. Soll die Insel mit dem zu Rettenden an Bord geholt werden, machen sich die 20 Liter Zusatzgewicht im Wassersack bemerkbar. Da sie nicht schnell genug ablaufen, hat man beim Bergen über Hand keine Chance. Erst der massive Einsatz einer Winsch bringt das Unfallopfer über die Reling.
Ein zweiteiliges Hebelsystem aus Dänemark steht als nächstes auf dem Testplan. Der MOB-up wird am Außenwant befestigt. Die Montage ist mit ein wenig Übung recht einfach zu bewerkstelligen. Allerdings muss man darauf achten dass keine Einzelteile über Bord gehen. Die im Wasser befindliche Person muss sich die Bergeschlinge selbst anlegen. Versuche diese von Bord aus mit Hilfe eines Bootshakens zu erledigen scheiterten. Ist die Person in der Schlinge gesichert und befindet sich die kurze Querstange unter den Kniekehlen, lässt sich das über Bord gegangene Crewmitglied recht einfach und vor allem horizontal bergen. Eine horizontale Bergung ist wichtig, wenn sich das Opfer lange im kalten Wasser befindet und unterkühlt ist. Dann verringert sich bei der horizontalen Bergung die Gefahr eines Schockzustandes.
Ist die Person im Wasser schon bewusstlos, kommt die moderne Variante eines Bergesegels zum Einsatz. Selbiges wird sehr schnell an den Relingstützen befestigt. Der Kopf des Segels wird in ein Fall eingeschäkelt und das Segel ins Wasser gelassen. Nun muss das Kunststück gelingen, den bewusstlos im Wasser Treibenden in die offene Segelfläche zu bugsieren. Insbesondere das Aufhalten der Segelfläche im richtigen Moment ist nicht ganz einfach. Das Aufholen des Verunglückten ist dann dank der eingesetzten Talje ein Kinderspiel. Allerdings muss die Person dann unter dem unteren Relingsdraht hindurchgezogen werden – mit ausgelöster Rettungsweste, Ölzeug und bei Welle auch nicht ganz einfach.
Das Rettungsnetz ist eine modifizierte Variante des Segels. Vorteil – die aussteifenden Aluminiumstangen sind mit Blei gefüllt und ziehen das Netz schnell unter Wasser. So kann man sich intensiver um den Erstkontakt mit der verunglückten Person und deren Positionierung im Netz kümmern. Ist das geschehen, kann das Netz mittels Karabinern oben geschlossen werden und im Bedarffall komplett an das Fall gehängt werden. Das erspart dem zu Bergenden das Rollen um die eigene Achse und das Hindurchzerren unter dem Relingsdraht. Bei Wellengang ist jedoch darauf zu achten, dass das im Netz liegende Crewmitglied nicht allzu stark an die Bordwand schlägt.
Ein kraftraubender Tag geht für die Tester zu Ende. Als Fazit bleibt – jedes Rettungsmittel ist besser als keines. Wichtig ist, dass man das zur Verfügung stehende Gerät in Ruhe ausprobiert, denn die Erfahrung von Übungsleiter Richard Jeske zeigt, dass schon beim zweiten oder dritten Mal die Anwendungen sicherer und schneller durchgeführt werden.
Unsere Favoriten nach dem Testtag sind die Talje im Segeltuchschlauch für den schnellen und einfachen Einsatz und das Bergenetz für Verunfallte, die bewusstlos sind oder schon lange Zeit im kalten Wasser treiben.
Quelle: AQUA - Das Wassersportmagazin



